Der Ziegelei-Kreisel in Rosdorf

  

Tausende von Fahrzeugen passieren ihn täglich: auf der Fahrt zur Arbeit, vom Einkaufen, zur Schule. Es hat sich herumgesprochen, dass etwas passiert. Nun doch keinen Mexiko-Kreisel? Muss denn das sein? Eine Grasfläche hätte doch auch gereicht. Wir sind es nicht mehr gewohnt, Schönheit im öffentlichen Grün zu erleben.

Warum eigentlich nicht? Wer immer etwas verändert, setzt sich öffentlicher Kritik aus. Wer alles beim Alten lässt, irgendwann jedoch auch. Was ist daran schlecht, in einen Kreisverkehr am Tor zu Rosdorf zu investieren? Ihn schön, einzigartig und sinnhaft zu gestalten? Und hierbei keinen kurzlebigen Trends zu folgen, sondern Bewährtes, Althergebrachtes auf ihm zu installieren – einen Verweis auf die Geschichte des Ortes?

Diejenigen, die gern negativ denken, sollen sich fragen, ob sie sich mit dieser Haltung besser fühlen. Wer jedoch die gedankliche Kraft hat, sich auf den Kreisel einzulassen, folge mir auf die Überlegungen, die seiner Gestaltung zu Grunde liegen.

Auf 600 Quadratmeter – so groß ist nämlich die verkehrsumtoste Freifläche – konzentriert sich ein Blick in die Geschichte des Ortes, die über viele Jahrzehnte von den Ziegeleien Meurer sowie Hente & Spies geprägt wurde. Heute ist der Ziegeleibetrieb Vergangenheit. Es gehört nicht viel Phantasie dazu, Ziegelsplitt und Ziegelmauerwerk mit Ziegeleien zu assoziieren. Aber der Lorenzug? Der diente über viele Jahre dem Transport des Rohtons in die Ziegelwerke der Firma Meurer. Die Familie Meurer hat ihn gestiftet und tatkräftig an seiner Herrichtung mitgewirkt. Es ist kein Nachbau, sondern es sind die originalen Loren sowie eine Original-Lokomotive auf einem Gleis, welches ebenfalls viele Jahre im Ziegelwerk Meurer lag. Mit Sicherheit eine Rarität, wir haben sie sorgsam im Gleisbett verankert und fundamentiert, damit sie Rosdorf erhalten bleibt.

Die Steinblöcke, die den Platz gliedern, bestehen aus den regionalen Natursteinvorkommen des Basalt und des Muschelkalk. Leider haben wir keinen Rosdorfer Duckstein mehr erhalten können, da die Steinbrüche des Settbachtales sämtlich geschlossen und verfüllt sind. Aber auch so ist der regionale Bezug eindeutig.

Aber noch einmal: ist es notwendig, einen Kreisverkehrsplatz so aufwändig zu gestalten?

Notwendig ist es sicher nicht. Aber es ist sinnvoll, durch gezielte Gestaltung Identität zu schaffen. Der Ziegelei-Kreisel ist einmalig; er existiert nur in Rosdorf und nur an dieser einen Stelle. Es gibt nicht beliebig viele Lorenzüge, sondern nur einen. Rosdorf hat sich mit dieser Gestaltung kein Denkmal gesetzt, wohl aber haben die Ziegeleien am Ascherberg eines erhalten. Auf 600 Quadratmetern präsentiert sich ein Ort mit Geschichtssinn.

Und mit Bürgersinn: die Idee war keinesfalls eine „Architektenidee“, sondern sie kam von einem Bürger, der als Zuhörer einer Sitzung des Bauausschusses beiwohnte, sich einbrachte und mit seinem Vorschlag einhellige Zustimmung erntete. Auch die Bezeichnung „Ziegeleikreisel“ kam von ihm.

Ist es denn verwerflich, Schönheit im öffentlichen Raum zu installieren? Die Freude, die ein gut gestalteter Freiraum erzeugen kann, ist reichlicher Zins für finanziellen Aufwand. Zufriedenheit kann nur in einem ansprechenden, heimatlichen Umfeld wachsen, nicht in einer Wüste zweckmäßiger Verkehrsbauten. Ein ansprechend und individuell gestaltetes Umfeld kann ganz erhebliche Auswirkungen auf das Image einer Gemeinde haben. Eine Gemeinde mit Geschichtssinn, Bürgersinn und Geschmack, mit Traditions- und Selbstbewusstsein ist sicherlich interessant für Entscheidungsträger, die sich nicht nur mit der Ansiedlung ihres Betriebes auseinanderzusetzen haben, sondern auch die Frage entscheiden müssen, ob ihre Familie an diesem Ort ein Zuhause finden kann: ein räumliches und soziales Umfeld, mit dem man sich identifizieren, in dem man heimisch werden kann.

Wer seine Kritik in Neugierde umzuwandeln imstande ist, wird bei der Suche nach Relikten der Ziegeleien, aber auch weiterer Zeugnisse der Vergangenheit sicher noch viel mehr herausfinden. Dem Ziegeleikreisel sei zu wünschen, dass er Anstoß gibt für weitere heimatkundliche Recherchen, für Mitwirkung bei der Gestaltung des heimatlichen Umfeldes. In jedem Fall dokumentiert er, dass eine fundierte Bürgeridee in Rosdorf sehr wohl eine gute Chance auf Realisierung hat!

 

Dr. Christoph Schwahn, 2007